Du steigst hier nicht unberührt aus.
Ganz spontan hatte ich es ihr angeboten.
„Ich mache das für dich!“, hörte ich mich sagen.
„Ja, wirklich, diese Geschichte muss man aufschreiben!“
Gleichzeitig hatte ich den irrwitzigen Gedanken, es könnte ihr helfen. Eine Art Wahrheitsfindung, eine Verarbeitungsstrategie.
Ich hatte keine Ahnung, worauf ich mich da einließ, aber irgendwie konnte ich nicht anders. Sie hatte doch niemand. Es musste etwas geschehen. Was, das wusste ich selbst nicht genau.
So begann ich eines Tages, das, was mir Angie erzählte, aufzuschreiben, tief beeindruckt von ihrem bis dahin völlig verpfuschten Leben.
Wir beide machten uns auf den Weg zu uns selbst. Beide!
Aber auch das wussten wir noch nicht.
Wie hätten wir auch ahnen können, wie sehr uns das alles verändern würde.
Nie hätte ich mir vorstellen können, dass so etwas wie ein Dachboden am Ende der Geschichte eine besondere Bedeutung für mich haben würde.
Heute starre ich öfter gedankenverloren auf Häuser und deren Dächer.
Dann male ich mir aus, was sich dahinter verbergen könnte, unter den Ziegeln, hinter den Dachfenstern und den Gauben. Was wird dort versteckt, welches Geheimnis verbirgt sich da?
Manchmal ertappe ich mich sogar dabei, dass ich mir Gedanken darüber mache, ob manche Menschen zu Hause einen Dachboden haben und was sie wohl dort zusammengetragen haben.
Nie zuvor war mir ein Mensch begegnet, der so offen, aber gleichzeitig auch so gehemmt eine Geschichte erzählte, seine Geschichte.
Sie stockte, die Geschichte, wie unsere Gespräche immer wieder stockten und nicht nur einmal verstummte einer von uns, wir verstummten beide, versanken in unserer Sprachlosigkeit, tauchten ein in ein Nichts.
Manchmal hatte ich Angst. Ich hatte Angst, all das festzuhalten, in Worten zu fixieren und letztlich irgendwann andere, fremde Menschen daran zu lassen, es zu lesen.
Ich bekam Angst vor fremder Urteilsbildung, für die letztlich ich verantwortlich sein würde, weil ich es sein würde, die es in Worte packte und somit für alle Zeit festlegte und preisgab.
Ich hatte Angst um sie, um ihre Seele, um ihre Zukunft, um ihre Vergangenheit, um ihre Träume, um ihr Leben.
Manchmal aber hatte ich auch Angst um mich.
Mich zu verlieren in diesem Durcheinander, etwas verkehrt zu machen, ihr nicht zu helfen, sondern noch tiefer in die Isolation zu drängen. Angst in mein eigenes Vertrauen, mein Vertrauen in die Menschen. Ich weiß nicht mehr, wie weit es noch da ist, ob es noch lebt. Krank ist es auf jeden Fall.
Oft schlief ich nicht. Oft wühlte ich in meinem eigenen Ich. Ja sogar mit Selbstvorwürfen quälte ich mich. Hätte ich etwas bemerken müssen? War ich zu nachlässig, nicht aufmerksam genug?
Die Stunden, die wir miteinander verbrachten oder auch nur telefonierten, brachten uns einander näher, in einer Weise, die Angies Mutter, hätte sie es gekonnt, vehement unterbunden hätte. So aber konnte sie es nicht verhindern, dass alle Geheimnisse ihrer Familie letztlich ans Tageslicht gerieten, ja sogar offen dargelegt wurden.
Für sie wäre es das Schrecklichste gewesen, das Peinlichste überhaupt, für ihre Tochter tat sich eine große Chance auf, das, was ihr angetan wurde, aufzuarbeiten, um endlich in ein neues Leben aufzubrechen.
Angies Erzählungen brachten auch mich manchmal an meine Grenzen. Ich konnte kaum glauben, dass das alles Wirklichkeit sein konnte, dass sich alles so zugetragen hatte.
Es waren die Momente, in denen Angie sich entfernte, in denen sie nichts mehr zuließ, in denen sie mich nicht mehr zuließ. Sie starrte dann ins Leere, schien mich nicht mehr wahrzunehmen.
Ich brauchte lange, um zu verstehen, dass es Menschen gibt, die alles um sich herum plötzlich nicht mehr registrieren, die alles abblocken, in sich selbst versinken und dich einfach stehen lassen.
Angie ließ mich oft zurück, sie entfernte sich und sogar der Raum, in dem wir uns befanden, füllte sich mit Kälte.
Ihr Gesicht verlor jede Mimik, sie sprach nicht mehr, reagierte nicht mehr. Ihr Schweigen machte mir zu schaffen, die Qual, selbst zu schweigen, lähmte auch mich.
Es geschah auch, dass sie aufstand und einfach ging. Sie ging ohne ein Wort, ohne mich anzusehen, ohne Abschied, ohne sich umzudrehen, wie eine Marionette, geführt von unsichtbarer Hand.
Sie hinterließ etwas, was ich nicht greifen konnte, Leere. Unsicherheit und doch Neugierde, große nicht enden wollende Neugier, gepaart mit dem Zweifel, ob all das, was sie mir erzählte, der Wirklichkeit entsprach und nicht ihrer kranken Fantasie.
Sie ließ schließlich die Behandlung einer Psychotherapeutin zu, den drei- bis viermonatigen Aufenthalt in einer entsprechenden Klinik lehnte sie kategorisch ab. Aber es fiel Licht in den langen Tunnel.
Ich habe noch nie an Wunder geglaubt. Es hat mich immer gestört, das Mystische, das Unwahre daran. Allzu verschwenderisch wird dieses Wort benutzt, für jegliche Ungereimtheiten, Unerklärliches, Merkwürdiges oder auch Banales.
Wunder hier, Wunder da, Wunder überall.
Eines weiß ich jedoch ganz sicher, es ist auf jeden Fall ein Wunder, dass Angie, die Tochter Theresas, eine Chance bekam, noch eine fröhliche, fast normale junge Frau zu werden, lagen doch die Startchancen hierfür denkbar ungünstig. …