Roman Nr. 4: Der Fliegenwedel

Fragen ohne Antwort – zwingen zum Suchen

Begegnung.
Nächste Begegnung.
Ein Bruchstück. Noch eins. Nichts ergibt sofort ein Ganzes.

Siehst du die Schienen in den Figuren des Covers? Geh mit auf die Suche, du findest mehr, als du denkst. 

NEUGIERIG GEWORDEN?

DArum geht es

Der Dokumentar­filmer Christian fängt mit seiner Kamera die Realität ein. Doch als er auf der Suche nach seinem Vater in eigener Sache recherchiert, stößt er an Grenzen. Wer ist dieser Mann, der so rastlos umherzog, umhüllt von Lügengeschichten?
Bald wird Christian klar: Er ist nicht der Einzige, der Henry sucht. Und je näher die Suchenden sich kommen, desto deutlicher wird, wie stark sie miteinander verbunden sind.
Die verhängnisvollen Geschehnisse der Vergangenheit haben Auswirkungen – auf sie alle.

Schlagwörter und Zitate

Suche/Sinnsuche, Identität, Selbstfindung, Vergangenheit/Herkunft, Sehnsucht, Geheimnisse, Lügen, Wendepunkte, Frauenhaus, Fremdenlegion 

Der Mann und der Blues.
Man muss nur hinschauen, erkennen und verstehen.
Der Nicht-Unterschied zwischen den Menschen.

Ein ERster Blick in die Geschichte

Lass dich in den Text mitnehmen

Prolog

Die Liebe schert sich nicht um Regeln.
Nicht, wenn sie zwei Menschen trifft, schnell und gewaltig wie ein Blitz.
Dann schießt sie hervor, schlägt ein, raubt den Verstand und zeichnet höhnisch ein Brandmahl.

Als sie ihn sah, war die Musik sanft, die Luft schwül, ihr Hunger groß. Sie wollte leben, sie wollte erleben. Sie tat es in dieser Nacht, als seine Augen sie fixierten, als er leise forderte: „Du, komm her!“
Er war auf der Jagd. Wie jeden Abend. Sein Ziel immer gleich. Die schnelle, freie Liebe. Er wusste um seine Männlichkeit. Den besonderen Teint seiner Haut, dunkler als die anderen, geheimnisvoller. Das Fremde an ihm machte die Frauen neugierig und zog sie in seinen Bann.
Die markanten Züge seines Gesichts, die pechschwarzen, langen Haare, die dunklen Augen mit den dichten schwarzen Wimpern, das auffallende Stirnband, weiß gemustert auf dunkelblauem Grund, das sagte: „Ich bin anders!“
Ein Körper, der Kraft und Stärke ahnen ließ. Die hautenge Jeans mit dem silbernen Drachen, der über den Verschluss des schwarzen Ledergürtels wachte. Die Fransen an den braunen, abgetragenen Wildleder-stiefeln.
Sie war jung – und sie war schön. Kurzer Rock, flache Schuhe, lange zerzauste blonde Haare, dezentes Make-up. Ihre Körperhaltung eine Mischung aus Neugier und leichtem Zögern, passend zu ihrer Unerfahrenheit. Eine leichte Beute.
„Komm!“, wiederholte er. Es war nur ein Tanz gewesen. Eine erste Berührung. Ein erstes Spüren. Die wachsende Erregung. Mitten in der Disco. Laute Musik, dröhnende Bässe. So viele schwitzende Körper, aber der eine hier anders als die anderen.
Sie in seinem Blick. Er in ihrem.
Die Nacht nahm sie beide mit. Die Lust verschlang sie. Wozu zweifeln? Alles war leicht!
Er sagte ihr, er sei ein Indianer. Sie sagte ihm, sie sei allein.
Sie brauchten keine Worte, nur ihre Leidenschaft, wild und ungestüm.
Zwei Körper im Einklang, in der Stille der Nacht. Zwei, die sich Liebe schenkten. Stunden der Ekstase.
Erst am Morgen verflog der Rausch. Als die Kühle der sich zurückziehenden Nacht sie erschrecken ließ. Dann fuhr er weg, mit dem Wohnmobil, das eine Nacht lang ihr Lager gewesen war. Ohne ein Wort.
Der Blitz schlug ein, an verschiedenen Orten, zu verschiedenen Zeiten. Was im Gedächtnis blieb, war der Indianer, einer vom Stamme der Apachen, einer, der nie lange irgendwo verweilte, einer, der nicht viele Worte machte, einer, dessen Ziel die Ferne war.
Immer ging er fort.
Immer ließ er die Frauen allein.
Auf seinem Weg nahm er nichts mit.
Egal wohin ihn das Leben trieb, eine Frau, die ihn für Stunden faszinierte, fand er überall.
Verantwortung war ihm fremd, er hatte keine Hemmungen, nichts war ihm wichtig.
Zurück ließ er die Sehnsucht, manchmal die Zweisamkeit.
Er war da gewesen.
Er blieb in Erinnerung.

1

Die Jahre vergingen, die Zeit ließ ihn ruhiger werden.
Sein Leben kannte die Kehrtwende, den Neuanfang, den Schritt, Vergangenes hinter sich zu lassen.
Er war jetzt alt, aber nicht zu alt.
Noch immer war er bereit für Abenteuer. Noch immer trieb die Neugier ihn an, sah er sich wachsam um. Er könnte ja etwas verpassen. Vielleicht doch noch eine Affäre?
Sein Besitz verkauft, manches verschenkt. Nur von zwei Dingen trennte er sich nicht.
Das eine trug er in der Hosentasche. Klein, aus Metall, an manchen Stellen abgegriffen. Sein Werkzeug, oft im Einsatz, unersetzbar, heiß geliebt. Seine Mundharmonika. Blues auf ihr gespielt klang gefühlvoll, melancholisch, sehnsüchtig.
Das andere hatte er vorausgeschickt. Vor Wochen schon. Seine Crêpes-Maschine. Sie sollte längst vor Ort sein.
Mit beidem hatte er früher seinen Lebensunterhalt aufgebessert. Darauf hoffte er auch in Zukunft.
Sein Gesicht trug die Zeichnung des Alters. Die noch immer dichten, schulterlangen Haare hatte er meist zusammengebunden. Sie glänzten inzwischen silbern, mit wenigen schwarzen Strähnen dazwischen.
Nur seine Augen.
Die hatten sich gar nicht verändert.
Dunkel schenkten sie seinem Gesicht die Tiefe, gaben ihm Charisma. Ein Sonnenstrahl nur und sie leuchteten – bernsteinfarben, fast glitzernd, geheimnisvoll. Auch jetzt noch.
Man konnte sich darin verlieren, untergehen ohne Halt.
Er lebte, wie er immer gelebt hatte. Ohne nachzudenken, ohne ein Woher und Wohin, ohne ein Warum. …