Du wirst danach anders auf Menschen schauen.
Anna und Renata. Zwei Freundinnen. Doch nichts ist, wie es scheint! Nach dem Tod Renatas steht Anna vor bitteren Erkenntnissen. Doch das Jahr hilft. Ein Jahr November. Wird es gelingen zum Glück zurückzufinden?
Freundschaft, Vertrauen, Intrige, Angst, Enttäuschung, Neuanfang, kaputte, Seelen, geblieben trotz allem, Seelenschmerz
Ich bin dir heute so fern, wie ich dir nahe war.
Mein Blick in die Zukunft. Versperrt.
Ich hatte dem Teufel vertraut.
Es ist nicht das, was wir suchen.
Es ist nicht das, was wir nicht finden.
Es ist auch nicht das, wovon wir träumen.
Es ist das, was wir nicht verstehen,
das ist es, was uns belastet!
Vielleicht geschah es weil mir das das Misstrauen fehlte, vielleicht, weil ich zu viel vertraute. Dann zerbrach alles – und ich? Ich verstand es nicht.
Bedingungslos hatte ich daran geglaubt – an ein tiefe, innige Freundschaft
Eine, die ein Leben lang hält, eine, die der Tod nicht vernichten kann.
Wie war ich nur darauf gekommen, dass mir dieses Privileg vergönnt sein sollte?
Woher hatte ich die unglaubliche Arroganz zu behaupten, dass ich genau das schaffe und bisher geschafft hatte?
Dabei braucht es nur einen Augenblick, den Hauch eines Lebensmoments, kürzer als ein Atemzug, in dem du Luft holst, bei dir behältst und wieder ausatmest, und alles ist anders.
Du spürst es nicht einmal. Du bist nicht beteiligt.
Es geschieht dir.
Du kannst nicht so schnell denken, dich nicht so schnell bewegen.
Du fühlst dich manipuliert, reduziert in die Zuschauerposition, handlungsunfähig.
Eine Marionette. Eine von denen, die an nicht allzu vielen Fäden geführt wird, der die Feinmotorik fehlt.
Plump führt sie die Bewegungen aus. Abgehackt, Steif.
Wer hat dich zu dieser Vorstellung geholt?
Hättest du etwas tun können?
Was hat du falsch gemacht?
Wieso hast du nichts bemerkt?
Die Welt tut so, als sei alles wie immer.
Sie steht nicht still, nur weil du stillstehst.
Sie weint nicht, nur weil du weinst.
Du versuchst zu verstehen. Aber du verstehst nicht.
Du horchst in dich hinein. Aber auch da findest du nichts.
Wie ein kleines bockiges Kind verweigere ich mich der Wahrheit.
„Das will ich aber nicht!“, ruft es in mir.
Gerade noch, noch fühlbar warm, pochte das Leben in mir, wie ein ungelebter Traum.
Hielt die Lust mir die Hand hin, lud die Freude mich ein.
Jetzt läuft mein Leben aus den Fugen. Es sagt mir aber nicht, wohin.
Ohne Plan und Ziel schleudere ich durch das Universum. Was soll ich tun? Wo ist ein Halt?
Wer hat gesagt, dass ein Ende immer wieder ein Anfang ist?
Reicht es aus, dass ich in die Ferne gehe?
Ich hatte immer Angst, vor diesen Jahren, die einen Tag mehr haben als die anderen. Immer lief in diesen Jahren bei mir etwas schief. Die verpatzte Führerscheinprüfung, Absagen im Job, Trennungen, ein Beinbruch, ein Autounfall.
Dieser eine Tag. Dieser eine Tag zu viel, er bringt alles durcheinander.
Auch dieses Jahr ist eines von diesen, in denen alles aus dem
Ruder läuft. Auch dieses hat einen Tag zu viel.
Aufgescheucht aus meinem softigen Leben, aus meinem behüteten Dasein, meiner heilen Welt, versuche ich meine Gedanken zu ordnen.
Ich, die Karrierefrau, erfolgreich immer und überall. Aber das Jahr mit dem Tag zu viel, es hat mir alles verdorben. Es hat mir den Spaß entrissen und das Lachen. Es hat das Weinen gebracht.
„Alles hat einen Sinn!“, hat man mir gesagt.
Ich suche noch danach.
„Und mit der Zeit …“, so sagte man mir auch, „… wird vieles leichter …!
Mit der Zeit kann man verstehen!“
Ich warte noch darauf.
Doch die Zeit kann ich nutzen und ihr einen Brief schreiben.
Geliebte Freundin,
ich bin Dir heute so fern, wie ich Dir nahe war, so nahe, wie ich Dir fern war.
Meine Gedanken sind voll von dem, was ich Dir sagen will, aber Du hörst nicht zu!
Hörst Du mein Rufen? Fühlst Du, dass ich da bin ? Kannst Du mich sehen?
Ich bin alleine, einsam und verzweifelt. Bist Du es auch? Bist du glücklich, dort, wo Du jetzt bist?
Siehst Du den Sternenhimmel, so wie ich?
Manchmal träume ich, für jeden von uns ist ein Stern reserviert. Deshalb leuchten sie so. Sie leuchten, weil sie uns den Weg zeigen wollen, den Weg, den wir sonst nicht finden können. Ich finde keinen Draht zu Dir, die Leitung ist still … so still …