Fahr mit und du merkst: Schweigen ist nie leer.
Noch Jahre später dachten sie daran zurück.
Sie würden ihn nie mehr vergessen.
Nicht diesen Tag!
Auch nicht diese Stunden!
Auch nicht die endlos langen Minuten, in denen alles stillstand.
Die besondere Umgebung! Die außergewöhnliche Atmosphäre! Das Knistern der Luft! Die Spannung! Die Atemlosigkeit! Die Unruhe!
Sogar ein wenig Sorge! Sogar ein wenig Angst!
Aber die Zeit für die Gedanken! So intensiv wie nie!
Das Sich-Hineindenken in die Köpfe! Das Spiel ihrer Fantasie! Arglos und gewagt!
Ein wenig Neid, ein wenig Frust, ein wenig aber Sehnsucht!
Sehnsucht nach dem Anderen!
Fragen, Antworten und irgendwann das Verstehen!
Schließlich eine Lösung. Als würde es nichts Einfacheres geben!
Klar vorgezeichnet, machbar!
Er hatte alles verändert, dieser Tag!
Nicht langsam, nicht Stück für Stück!
Er gab keine Zeit, die Dinge reifen zu lassen, und sie spürten, die Zeit war längst reif!
Kein Warten mehr!
Kein Nachdenken! Keine Ausreden!
Er vergewisserte sich auch nicht, ob der Zeitpunkt passte, dieser Tag!
Es geschah einfach!
Heidelinde und Constanze und die vielen anderen Menschen an einem besonderen Ort, an einem besonderen Tag!
1
Es war ein Apriltag, wie so viele vorher in ihrem Leben. Aber strahlender hätte er nicht sein können, dieser Tag. Dieses Jahr brach er mit allen Gewohnheiten, der April!
Trocken kam er daher, trocken und warm, mit gleißender Sonne am stahlblauen Himmel. Neunzehn Tage schon, und an diesem Tag sollten es 22 Grad werden.
Ein Tag nach Vollmond, vier Tage vor Ostern. Vier Tage nach „nicht schlafen können vor dem Vollmond!“
Das war es auch schon.
Sie spürte nichts. Keine Veränderung! Keine Anbahnung schwerwiegender Andersartigkeiten.
Als die Katze kam, morgens um fünf, atmete sie tief ein. Sie war frisch, die Luft, angenehm angereichert mit dem Duft der ersten Blüten. Dazu das Morgenkonzert der Vögel.
Gigantisch inszeniert!
Vor ihr tat sich Großes auf. Der neue Tag, der über den Horizont kroch.
Auf ihrem Bett zusammengerollt die Katze.
Die Katze, dachte sie, hattes es gut. Sie sorgte sich nicht.
Am frühen Morgen legte sie sich zum Schlafen auf ihre Bettdecke. Am Tag stand Futter bereit, ihr Lieblingsfutter, und des Nachts lockten die Streifzüge.
Ein gemächliches Leben, allenfalls unterbrochen durch Attacken ihrer Artgenossen.
Mal ein blutendes Ohr, ein zerbissener Schwanz, ein herabhängendes Stück Haut, das genäht werden musste, immer in der Obhut ihrer Menschen. Im Notfall würde ein Tierarzt es richten.
Die Katze, dachte sie, hatte es gut.
Sie zog an der Bettdecke. Nur ein wenig, um die Katze nicht zu stören, denn sie fröstelte.
In all den Jahren, in denen sie nun schon in diesem Bett lag, floss das Leben gleichmütig dahin, schlossen sich den unaufgeregten Tagen unaufgeregte Nächte an.
Es hatte Aufgeregtes gegeben, auch Spannendes und das leise Lachen einer tiefen Liebe.
Wenn sie die Augen schloss, konnte sie es noch hören, füllte sich der Raum mit dem Knistern der Erotik. Dieser Hauch der Vergangenheit flog durch ihre Gedanken. Sie meinte zu spüren, zu riechen, zu schmecken und einen Augenblick lang erbebte sie.
Sie ließ sich mitreißen, fühlte Glut in ihrer Brust, Leidenschaft in ihren Adern und Verlangen.
Es war immer noch da. Sie lebte noch. Sie fühlte noch.
Da war es noch, dieses leise Lachen der Liebe.